“Hier möchte ich bleiben”

Freundlich: Jasmin Gojacic, Sportlehrer an der Verbundschule Hille und Trainer des Handball-Landesligisten HCE Bad Oeynhausen. Foto: Jürgen Krüger

Bad Oeynhausen. Kladanj ist ein Ort in Bosnien und Herzegowina. Als das heutige Staatsgebiet noch zum kommunistischen Jugoslawien gehört, wagt in dieser Kleinstadt mit rund 13.000 Einwohnern Jasmin Gojacic seine ersten Schritte. „Für uns Kinder war das Leben im Kommunismus ein Paradies“, sagt der 1977 geborene Sportlehrer, der an der Verbundschule Hille unterrichtet und die Handball-Landesligamannschaft des HCE Bad Oeynhausen trainiert. „Wir hatten alles, was Kinder brauchen. Das Leben spielte sich draußen ab. Es war immer jemand zum Spielen da.“ Doch mit Beginn der Jugoslawien-Kriege ändert sich diese Idylle, und zwar schleichend. „Wir alle haben geahnt, dass der Krieg auch in unsere Stadt kommt.“ Damals ist er gerade einmal 13 Jahre alt und weiß nicht, was ihn erwartet.

Eine Mutter muss auf der Suche nach ihrem Sohn in 71 tote Gesichter schauen

Zunächst einmal schicken die Eltern ihn und seine 17-jährige Schwester weg – in Sicherheit, und zwar ohne Vorwarnung, zu Arbeitskollegen des Vaters auf die kroatische Insel Krk. Da der direkte Weg durch bergiges Kriegsgebiet führt, fahren sie zunächst in die serbische Hauptstadt Belgrad, von wo aus es mit dem Bus weiter nach Ungarn gehen soll. Doch ohne Papiere und nur mit etwas Geld in der Tasche holt ihn ein ungarischer Grenzbeamter aus dem Bus. Die Schwester könne weiterfahren, er müsse bleiben. Doch eine Trennung kommt für die Geschwister nicht in Frage. Nach einer Stunde intensiver Gespräche darf Jasmin Gojacic dann doch ein- und nach Slowenien durchreisen. Am Bahnhof in Ljubljana steigen beide aus – und wissen nicht wohin. „Wir haben bestimmt eine Stunde lang geheult“, sagt Gojacic. Durch einen Zufall begegnen sie einem Bekannten des Vaters, der sie aufnimmt und später nach Krk überführt. Dort angekommen glauben sie nicht daran, ihre Eltern jemals wiederzusehen. Doch dann, ein halbes Jahr später, holt der Vater seine Kinder, möchte sie mitnehmen zurück nach Hause, nach Kladanj. Doch Jasmin Gojacic zögert zunächst. „Ich wollte nach Österreich“, sagt er. Doch er lässt sich überzeugen mit dem Argument des Vaters, er könne ja erst einmal mit zurück fahren und sich in einem halben Jahr neu entscheiden. Gemeinsam mit einem Bekannten steigen die vier ins Auto und machen sich auf den Rückweg – gut 500 Kilometer durch Kriegsgebiet. Gojacic: „Wir haben fünf Tage gebraucht.“ Vorbei an unzähligen Straßensperren und -kontrollen, teilweise unter Beschuss, erreichen sie ihr Zuhause. Es beginnen die Jugendjahre von Jasmin Gojacic im Kriegsmodus. „Man muss sich das wirklich so vorstellen wie heute in Syrien. Da fliegen Granaten und Bomben. Wenn wir das Geräusch hörten, als ein Geschoss den Lauf eines Panzergeschützes verlässt, dann hatten wir ungefähr noch 30 Sekunden Zeit, um uns in Sicherheit zu bringen. Die Stellungen der Angreifer waren sechs, sieben Kilometer hinter einem Hügel. Das ist in etwa so, als würde man von Wulferdingsen aus Oberlübbe oder Rothenuffeln beschießen.“ Eines nachts schlagen 260 Granaten ein. „Ich habe sie gezählt.“


Ein normales Leben ist nicht mehr möglich, trotzdem will jeder Tag gelebt sein. Gojacic: „Wenn wir zum Spielen raus sind, dann wussten wir nicht, ob wir abends zurückkehren. Wir haben uns immer umgesehen, ob es in der Umgebung einen sicheren Ort gibt, den wir innerhalb von 30 Sekunden erreichen.“ Tag für Tag. Als auf dem Marktplatz von Tuzla mehrer Granaten das Leben von 71 Menschen beenden, ist Jasmin Gojacic nicht weit entfernt. Noch heute hört er die Einschläge und die Schreie. Auch Kinder sind unter den Opfern. „Das jüngste war drei Jahre alt“, sagt er. Eine Mutter muss auf der Suche nach ihrem Sohn in 71 tote Gesichter schauen. Ihr Sohn ist nicht darunter, er war mit Freunden unterwegs und hatte nichts von dem Anschlag mitbekommen.

“Wir haben vier Jahre lang alles selbst produziert und bekamen humanitäre Hilfe von außen”

Schutz finden die meisten im Keller, so auch Jasmin Gojacic und seine Familie. „Besonders schlimm war die Zeit, als wir 26 Tage lang keinen Strom hatten.“ Der gesamte Handel bricht zusammen, es gibt keine Geschäfte mehr. Gojacic: „Wir haben vier Jahre lang alles selbst produziert und bekamen humanitäre Hilfe von außen.“ Auf den Straßen spielten die Kinder und Jugendlichen gerne Fußball. Jasmin Gojacic ist mit seinen 14 Jahren groß gewachsen und kräftig gebaut. Eines Tages verschlägt es ihn in eine Kneipe, wo die Männer Armdrücken. Er macht mit und schlägt sie alle. Das bleibt nicht unentdeckt. Ein Mann spricht ihn an und sagt: „Du wärst bestimmt auch ein guter Handballer.“ Jasmin Gojacic lässt sich zum Training überreden. Er fällt sofort auf der Mittelposition auf. „Ich hatte einen harten Wurf und war schnell“, sagt er. „Allerdings hasste ich Handball. Ich kannte nicht einmal die Regeln und wollte viel lieber Fußball spielen.“ Dennoch trainiert er täglich und schließt sich dem rund 50 Kilometer von Kladanj entfernten Erstligisten Tuzla an. Im Alter von 15 Jahren macht er dort sein erstes Spiel, weil der eigentliche Mittelmann ausgefallen war. Ein regelrechten Spielbetrieb gibt es zu der Zeit aber nicht. Auch der Schulbetrieb ist eingeschränkt.

Im Jahr 1995 endet der sogenannte Bosnienkrieg als einer von vielen Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. In Kladanj, das jetzt dem Kleinstaat Bosnien und Herzegowina angehört, beginnt das Leben allmählich von Neuem. „Ich habe mir in einem Laden zehn Tafeln Schokolade gekauft, alle aufgegessen und hatte anschließend Bauchschmerzen“, sagt Jasmin Gojacic, der als Handballer nach Sarajevo wechselt und sogar den Sprung in die Nationalmannschaft schafft. Der Tod seines Vaters 1999 nach einem Herzinfarkt wirft ihn aus der Bahn. Handball wird zur Nebensache. In der Saison 2003/04 erlebt er mit RK „Bosna“ Sarajewo dennoch den Höhepunkt seiner sportlichen Karriere, als er an der Champions-League teilnimmt.

In diesem Jahr schließt er auch sein Sportstudium ab und arbeitet in den Jahren 2003 und 2004 an der Volksschule in Kladanj, wo seiner Mutter ebenfalls Lehrerin ist. Der Zufall will es, dass ihn ein Bekannter nach Ostwestfalen einlädt. Nach einem gescheiterten Versuch bei der HSG Gütersloh, zieht es ihn zunächst zurück zu seinem alten Club in Sarajevo. Beim zweiten Versuch im Jahr 2006 hat er mehr Glück. Beim TV Verl findet Jasmin Gojacic nicht nur eine sportliche Heimat, sondern auch seine persönliche. „Mario und Gilla Mekus haben mir in der Zeit sehr geholfen, indem sie mich quasi in ihre Familie mit aufgenommen haben“, sagt Gojacic, der auch im Haus der Familie Mekus wohnt. Er lernt die deutsche Sprache, was „sehr schwer war“, und nimmt im Jahr 2007 an der Universität Paderborn ein Studium der Sportwissenschaften auf. Sein in Bosnien abgeschlossenes Studium wird in Deutschland nicht anerkannt, so dass er ein zweites Mal Sport auf Lehramt studiert. Schon während seines Studiums, das er im Sommer 2011 abschließt, arbeitet er zwei Jahre lang als Vertretungslehrer am Städtischen Gymnasium Löhne. Außerdem ist er 2009/2010 für die Marienschule der Ursulinen, einem katholischen Gymnasium in Bielefeld, tätig. Seit sieben Jahren ist Jasmin Gojacic nun schon Sportlehrer an der Verbundschule Hille und führte gemeinsam mit seinem Kollegen Burkhard Bracht zwei Handballmannschaften zum Bundesfinale „Jugend trainiert für Olympia“ nach Berlin. Mit Verl steigt er seinerzeit von der Landesliga bis in die Oberliga auf. Danach spielt er für drei Jahre beim TuS 97 Bielefeld/Jöllenbeck. Nach einer zweijährigen Auszeit und dem Umzug nach Bad Oeynhausen schließt er sich dem HCE Bad Oeynhausen an. Zunächst als Spieler, dann als Spielertrainer und jetzt als Trainer ist er beim Handball-Landesligisten unter Vertrag. Jasmin Gojacic lebt seit 2012 in Bad Oeynhausen und hat eine Tochter Hana (7) sowie einen Sohn Manes (3).


Die Jugendzeit im jugoslawischen Krieg hat bei Jasmin Gojacic Spuren hinterlassen. „Das kann man nicht vergessen“, sagt er. Ungerechtigkeiten, Aggressivität, verbale oder körperliche Gewalt lösen bei ihm einen Beschützerinstinkt aus. Als er bei einem Hallenfußballturnier in Löhne die Prügelei unter zwei Schülern friedlich beendet, erntet er von den Zuschauern Applaus. Beleidigungen beim Sport hingegen habe er selber nicht erlebt. Einmal beschimpfen ihn zwei ältere Zuschauer bei einem Handballspiel in Schalksmühle als „Pollacken“. Er sei sofort auf die Tribüne gegangen und habe zu den beiden verdutzten Zuschauer gesagt: „Tut mir leid, ich bin kein Pole, nur ein Scheiß-Jugo.“ Nach dem Spiel hätten sie dann ein Bier zusammen getrunken. „Alles halb so wild“, wiegelt der 42-Jährige ab. Seit fünf Jahren hat Jasmin Gojacic die deutsche Staatsbürgerschaft, auch wenn er die für seinen Beruf als Lehrer nicht benötigt. „Ich habe die Deutsche Staatsbürgerschaft aus Dankbarkeit angenommen. Dieses Land hat mir viel ermöglicht. Deutschland ist ein sehr offenes, freundliches Land. Integration ist kein Thema, wenn man die Sprache lernt, selber offenherzig ist und sich an die Regeln hält. Hier möchte ich bleiben. Hier möchte ich sterben.“


Doch manchmal zieht es ihn zurück, dann besucht er seine heute 73-jährige Mutter, die immer noch in ihrem Haus in Kladanj wohnt, dem Geburtsort von Jasmin Gojacic im ehemaligen Jugoslawien.

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