“Du kommst hier nicht rein”

Freundlich: Christaki Kolios sitzt hier im Wohnzimmer seines Hauses in Löhne-Mennighüffen vor dem geschmückten Weihnachtsbaum. Foto: Jürgen Krüger

Eintritt in Diskotheken verweigert, von Zuschauern durchbeleidigt – der 36-jährige griechische Handballer Christaki Kolios aus Löhne verrät, wie er damit umgeht und liefert eine verblüffend einfache Erklärung, woran das liegen könnte.

Bad Oeynhausen/Löhne. Christaki Kolios ist ein gut aussehender, freundlicher und erfolgreicher Mann – sportlich, beruflich und privat. Der Handballer ist selbstständiger Heilpraktiker für Physiotherapie. Seine Praxis betreibt er gemeinsam mit Ehefrau Katja, einer ehemalige Wasserball-Nationalspielerin, in Bad Oeynhausen.

Zutritt zu Diskos wird Kolios gerne mal verweigert

Das Paar wohnt in Löhne-Mennighüffen, gemeinsam mit dem aufgeweckten, vierjährigen Sohn Oskar. Wie die meisten Sportmannschaften, feiern auch die Handballer des Landesligisten HCE Bad Oeynhausens, bei denen Kolios spielt, Weihnachten, und spätabends kommt bestimmt einer auf die Idee, noch durch die Gemeinde zu ziehen. Spätestens dann weiß Christaki Kolios, dass die Stunde geschlagen hat. Ihm wird nämlich gerne mal der Zugang in Diskotheken verweigert. „Du kommst hier nicht rein”, heißt es dann von den Türstehern. Nicht nur das – seine Kumpels auch nicht. Und mit seiner Frau an der Seite sei ihm das auch schon mal passiert. Wie kann das sein?

Christaki Kolios hat sich lange mit diesem Thema auseinandergesetzt. Ihm ist klar, dass sein südländisches Aussehen der Grund für die Ablehnung ist. „Das ich griechische Wurzeln habe, ist nun mal an mich getackert”, sagt er. „Es ist für mich nichts untypisches, dass ich vor einer Diskothek stehe und nicht hineinkomme. Nur meine Mitspieler waren völlig schockiert.” Doch Kolios klagt nicht an. „Es hört sich komisch an, aber es ist in Ordnung. Die Türsteher haben einen Auftrag, und den haben sie zu erfüllen. Der Laden muss gut laufen, und jetzt kommt der entscheidende Punkt: man assoziiert bei jungen Männern, die südländisch aussehen, dass es schneller zu einer verbalen oder körperlichen Eskalation kommen kann.”

Taxifahrer die Schuhe abgekauft

Bei der offiziellen Begründung direkt vor Ort bedienen sich die Türsteher, sicherlich nach Vorgaben der Geschäftsführung, aber anderer Argumente, um nicht in der Rassismus-Ecke zu landen. „Fehlender Mitgliedsausweis, kein Stammgast, Club ist voll, die falschen Schuhe – das sind so Standardargumente, die ich dann höre”, sagt Kolios, der einer Konfrontation aus dem Weg geht. „Das führt zu nichts.” Allerdings habe er einen Türsteher schon mal überlistet, der als Grund für den verweigerten Einlass falsche Schuhe angab. „Ich habe dem Taxifahrer seine Schuhe abgekauft und die angezogen – dann durfte ich rein”, sagt Kolios schmunzelnd. Solche Maschen brauche er heute nicht mehr, weil es ihm auf der einen Seite zu blöd sei, auf der anderen Seite, weil er „mit 36 Jahren eher selten in Diskotheken gehe”. Kolios: „In Restaurants oder im Theater habe ich keine Probleme.”

Christaki Kolios ging der Sache weiter auf den Grund und suchte das Gespräch mit Diskothekenbesitzern. Dabei kam Erstaunliches heraus. „Sie sagten mir, dass es nicht gegen mich persönlich gehe, sondern darum, Publikum zu haben, dass sich angenehm und korrekt verhalte”, so Kolios. Der Laden müsse gut laufen. Leider habe man festgestellt, dass ein hoher männlicher Ausländeranteil in einer Diskothek häufiger zu Problemen führe. Aus welchen Gründen auch immer. Kolios: „Meistens geht es um Frauen.” Sogar Diskothekenbetreiber, die selbst ausländische Wurzeln haben, hätten dieses Problem erkannt. Das Phänomen ist auch nicht auf das Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern beschränkt. Und neu ist es auch nicht. Der Mechanismus funktioniert zum Beispiel auch, wenn sich ein paar Libanesen in einer Russen-Disco amüsieren wollen, oder früher die englischen Soldaten („Tommys”) ein Schützenfest besuchten. Das ist so. Das muss man aushalten. Oder wie es Christaki Kolios formuliert: „Man muss das verstehen und akzeptieren.”

„Bringt man die Menschen friedlich zusammen, dann lösen sich Ängste meistens auf”

Negative Erlebnisse kennt der 36-Jährige aber auch vom Sport. „Im Handball gibt es nicht so viele ausländische Spieler wie im Fußball, gerade in unteren Spielklassen nicht. Da kommen schon mal Äußerungen von Zuschauern, die unter die Gürtellinie gehen. Das ist natürlich auch nicht gerade schön für meine Frau, die vielleicht nur ein paar Meter weiter sitzt, wenn ihr Ehemann beschimpft wird”, erklärt der HCE-Handballer. „Ach, der Grieche schon wieder” oder „Scheiß Ausländer” sind nur zwei von Kolios ausgewählte Äußerungen.

Christaki Kolios ist mehr der Mann des persönliches Gespräches. Er glaubt, dass die Trennung von Bevölkerungsgruppen Ängste hervorrufen, die wiederum zu Vorurteilen und Hass führen. „Bringt man die Menschen friedlich zusammen, dann lösen sich Ängste meistens auf.” Und mit dem Zusammenbringen meint Kolios das persönliche Gespräch – nicht die digitale Kommunikation. „Das funktioniert überhaupt nicht.”

Ein Beispiel. „Als ich beim HCE Bad Oeynhausen anfing, habe ich mich als Bierwart ins Spiel gebracht. Meine erste Maßnahme war es, dass wir bei Auswärtsspielen unsere Kiste Bier beim Heimverein kaufen und nicht unsere eigene mitbringen, selbst wenn es zehn Euro mehr kostet. Das kommt gut an, und man kommt gleich mit den Leuten ins Gespräch. Schon einige Male habe ich mich mit Zuschauern, aber auch Gegenspielern, nach dem Spiel unterhalten und die Wogen, die sich während des Spiels aufgeschüttet haben, geglättet”, sagt Kolios. „Du bist ja ein echt netter Kerl. Während des Spiels konnte ich dich nicht ausstehen”, hatte ein Zuschauer, der ihn während der Partie durchbeleidigt hatte, mal zu ihm gesagt. Kolios’ Antwort: „Während des Spiels kann ich mich manchmal auch nicht ausstehen.” So bricht man Eis.

“Ich bin eine Person, die andere Personen respektiert”

Kolios wird 1982 in Lübbecke geboren. Seine Eltern kamen Mitte der 1970er Jahre aus Griechenland und übernahmen den Betrieb der Tennishalle. Mitte der 1990er Jahre kehrten sie in ihre Heimat zurück, gemeinsam mit ihrer ebenfalls in Lübbecke geborenen Tochter. Christaki Kolios blieb und fand hier sein Glück. Seit Anfang dieses Jahres besitzt er die Deutsche Staatsbürgerschaft. „Aus administrativen Gründe, wenn ich mich zum Beispiel bei der Baubehörde ausweisen muss. Das macht vieles einfacher.” Er fühle sich weder als Grieche, noch als Deutscher oder gar Europäer. „Ich bin eine Person, die andere Personen respektiert.”

Zwei Dinge sind noch zu klären. In seinem Pass steht als Vorname „Christos”, die meisten rufen ihn aber Christaki. „Christaki ist die Verniedlichung von Christos. Den Namen wird man in der Regel mit dem Erwachsensein los. Das hat bei mir nicht funktioniert.” Und – die meisten Handballkollegen rufen ihn „Otto”. Kolios löst auf: „Als ich damals beim HCE spielte, war meinen Mitspielern der Vorname zu kompliziert. Zu der Zeit war Otto Rehagel Trainer der griechischen Fußball-Nationalmannschaft. So hatte ich meinen Namen weg.”

Gedanklich schon einen Schritt weiter: Christaki Kolios, der hier im Trikot des Landesligisten HCE Bad Oeynhausen und im Spiel gegen Bad Salzuflen den Ball fängt. Foto: Jürgen Krüger

Die sportliche Laufbahn von Christaki Kolios
• Geboren 1982 in Lübbecke, folgt Christaki Kolios in der Jugend Maciek Tluczynski, Sohn des ehemaligen polnischen Nationalspielers Zbigniew „Binjo” Tluczynski, der seinerzeit beim TuS Nettelstedt spielt, zum Handballtraining.

• Maciek Tluczynski ist der Bruder von Tomasz Tluczynski, der momentan beim Oberligisten VfL Mennighüffen spielt.

• Da die A-Jugend des TuS Nettelstedt, in der unter anderem die Zwillinge Christian und Sebastian Redeker, Timo Kenschner oder Bastian Knop spielen, die Qualifikation für die Oberliga verpasst, wechselt Kolios zum TSV Hahlen.

• Mit dem TSV wird er im Jahr 2001 unter Trainer Stephan „Zorni” Böker Deutscher Vizemeister der A-Jugend, unter anderem mit Leif Anton sowie den Pohlmann-Zwillingen.

• Zeitgleich hatte er ein Doppelspielrecht beim TuS Nettelstedt unter Trainer Jörn-Uwe Lommel. „Da habe ich gelernt, Taschen zu tragen und Bälle zu putzen”, sagt Christaki Kolios.

• Es folgt ein halbes Jahr Oberlübbe (Verbandsliga) unter Dieter Löffelmann, erneut mit Doppelspielrecht für den TuS Nettelstedt.

• Danach heuert Kolios in der Saison 2002/03 für zwei Jahre beim damaligen Oberligisten HCE Bad Oeynhausen an. Trainer ist der ehemalige Bundesligaspieler Joachim Sproß (GWD Minden, TuS Nettelstedt). „Das war meine prägendste Zeit, und ich habe von Joachim unfassbar viel gelernt.”

• Kolios wechselt in der Saison 2004/2005 für drei Jahre, bis zur Insolvenz im Februar 2007, zum Zweitligisten Augustdorf/Hövelhof. Trainer ist Diethard von Boenigk. Kolios: „Die nächste prägende Persönlichkeit in meiner Karriere.”

• Zu der Zeit gehört Christaki Kolios gemeinsam mit Torwart Georgios Triantafillou (jetzt Teammanager beim Oberligisten VfL Mennighüffen) zum Kader der griechischen Handball-Nationalmannschaft unter Trainer Ulf Schefvert. Er bekommt jeweils elf Einsätze bei den Junioren und der A-Nationalmannaschaft.

• Es folgen die Stationen Bietigheim und Ibbenbüren (beide 2. Bundesliga) für jeweils eine Saison, sowie von 2009/2010 bis 2013/14 Regionalligist TuS Spenge.

• Seit der Saison 2014/15 spielt er beim Landesligisten HCE Bad Oeynhausen und entscheidet Jahr für Jahr, ob er weiterspielt, oder nicht.

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