Zehn Jahre KSB-Präsident: Jens Große im Interview

Betreibt Lobby- und Netzwerkarbeit: Jens Große, Präsident des Kreissportbundes Minden-Lübbecke, hier in der KSB-Geschäftsstelle in Minden. Foto: Jürgen Krüger

Minden-Lübbecke. Jens Große (52), ist Professor für Journalismus und Unternehmenskommunikation. Der gebürtige Ostfriese (Leer) leitet den niedersächsischen Campus Hannover der Fachhochschule des Mittelstands Bielefeld (FHM). Als Oberstleutnant der Reserve bildet er Soldaten medial aus. Seit 2008, also seit zehn Jahren, ist er Präsident des Kreissportbundes Minden-Lübbecke. Jens Große lebt mit seiner Ehefrau, Sohn und Tochter in Minden. Als sportlichen Ausgleich zieht es ihn die Natur zum Laufen oder Holzhacken.

Wie kam es dazu, dass Sie Präsident des Kreissportbundes Minden-Lübbecke wurden?
JENS GROSSE: Wie die Henne zum Ei. Ich bekam einen Anruf von meinem Vorgänger, Professor August-Wilhelm Meyer, und folgte seiner Einladung zum Gespräch. Es mutet fast schon etwas märchenhaft an, denn ich bin damals vor zehn Jahren ohne Navigationsgerät nach Bierde gefahren. In einem Wald steht das Bauernhaus von August-Wilhelm Meyer. Ich kann mich noch erinnern, dass er am Kamin gekokelt hat und es überall nach Rauch roch. Nach der gefühlt sechsten Tasse Kaffee fragte er mich, ob ich nicht Präsident des Kreissportbundes Minden-Lübbecke werden wolle. Ich habe dann klassisch 48 Stunden als Bedenkzeit gebraucht, um zuzusagen.

Warum?
GROSSE: Ich war damals Anfang vierzig und hatte das Gefühl, aufgrund der eigenen Erwerbsbiografie mit Medien- und Lehrerfahrung an der Hochschule und der starken eigenen Sozialisation im Turnverein von 1860 Leer, mal in diese Vereins- und Ehrenamtsszene hineinrutschen zu wollen.

In welchem Zustand haben den Kreissportbund damals vorgefunden?
GROSSE: In der Rückschau, so würde ich es sagen, hat möglicherweise das Team gedacht: Oh, was kommt da für eine Novize? Das war aber auch in Ordnung. Ich habe das Team dann aber auch so kennen gelernt, dass offenkundig ein Generationen- und Strategiewechsel anstand. Das lag irgendwie in der Luft.

Wie sieht Ihre Bewertung der ersten zehn Jahre aus?
GROSSE: Die klassische wissenschaftliche Antwort ist eine Frage: Wonach will ich das skalieren? Gefühlt per se hat sich, glaube ich, super viel entwickelt. Ganz konkret sehe ich es an der Geschäftsstelle mit der Hauptberuflichkeit, an den Themen und Projekten, die in den vergangenen zehn Jahren eindeutig zugenommen haben. Insofern können wir positiv bilanzieren.

War es Ihre Idee, den Kreissportbund professioneller aufzustellen?
GROSSE: Die Professionalität kommt ganz massiv aus der Geschäftsleitung heraus. Ich bin im Zusammenspiel mit der Geschäftsleitung vielleicht der richtige Mann für die Netzwerke, für die Lobbyarbeit, für das Anschieben von Projekte. Die Geschäftsleitung operationalisiert diese Arbeit und setzt sie konkret um, muss mich aber so manches Mal bremsen.

Hatten Sie Schwierigkeiten, in das Amt hineinzuwachsen?
GROSSE: Nein, absolut nicht. In der Rückschau möchte ich aber sagen, dass ich das Amt in Anführungszeichen vielleicht etwas naiv begonnen habe.

Inwiefern?
GROSSE: Ich hatte den Minden-Lübbecker Sport zwar verfolgt, denn ich hatte während der Promotion als Freiberufler viel Kontakt zur Sportredaktion des Mindener Tageblattes. Aber diese vielfältige und große Vereinsszene war mir vor zehn Jahren so nicht bekannt. Dazu gehörten auch die geographischen Thematiken „vor dem Berg und hinter dem Berg“, „vor dem Kanal, hinter dem Kanal“ oder die Kenntnis über die Altkreise.

Was war Ihre erste Amtshandlung?
GROSSE: Das ging ziemlich schnell. Ich freute mich über die Rolle des Präsidenten und hatte vierzehn Tage später den ersten Termin. Und es folgte eine Einladung nach der anderen. In den zehn Jahren meiner Amtszeit habe ich bezüglich Ehrungs- und Jubiläumsterminen bestimmt 95 Prozent dieser Termine eingehalten. Präsenz ist für mich enorm wichtig. Man muss vor Ort sein und das Ehrenamt richtig lieben.

Sie haben das Sportmedien-Projekt ins Leben gerufen. Warum ist Ihnen die Medienkompetenz junger Leute so wichtig?
GROSSE: Das ist sicherlich eine persönliche Handschrift. Projekte rund um Bewegung haben wir einige gehabt und werden sie auch weiterhin haben. Das ist ausgereift. Ich habe es aber immer als ein Fehl gesehen, dass man den Sport im Kreissportbund nicht auf mediale Nachwuchskompetenz herunter gebrochen hat. Weil ich das hauptberuflich mache und weil ich, salopp gesagt, auch Bock habe, jungen Leuten etwas beizubringen, haben wir die Idee entwickelt.

Wenn Sie Ihrer Mannschaft vom Kreissportbund eine Note geben sollten, wie wäre die?
GROSSE: Dem gesamten hauptberuflichen Team, das ja auch gewachsen ist in den vergangenen Jahren, hat es schon ganz gut getan, dass mal ein Nicht-Mindener dieses Ehrenamt ausgefüllt hat – der sicherlich manchmal etwas provoziert, aber auch frischen Wind mitgebracht hat. Ansonsten würde ich dem Team eine gute Zwei geben. Ich finde, wenn man andere bewertet und gibt ihnen eine Eins, das ist immer so absolut. Dann geht nicht mehr nach oben. Und das ist nicht realistisch.

Wo steht der Kreissportbund Ihrer Meinung nach heute?
GROSSE: Ohne Frage glaube ich, dass sich zehn Jahre Lobby- und Netzwerkarbeit ausgezahlt haben, dass der Kreissportbund in Gesellschaft und Politik, bei Entscheidern präsenter geworden ist. Ohne Frage hat er aber auch das teilweise das Problem, auch wenn ich es als solches nicht bezeichnen möchte, gesamtgesellschaftlich von einigen Sportlerinnen und Sportlern nicht richtig eingeordnet werden zu können in der Frage: Was macht der eigentlich? Nach außen hart der Kreissportbund einen sehr professionellen Auftritt und trotzdem ist auch Sicht des Sportlers, der sich im normalen Wettkampfbetrieb befindet, zum Beispiel der eigene Handball- oder Fußball-Kreisverband, wichtiger, weil der für den Spielbetrieb sorgt. Wir müssen meines Erachten daran arbeiten, unsere konkreten Aufgaben noch transparenter zu machen.

Was sind die größten Herausforderungen der nächsten 15 Jahre Amtszeit, die Sie ja noch vor sich haben?
GROSSE: Ein ganz wichtiger Punkt wird Thematik Leistungssportregion Mühlenkreis, für die wir uns beworben haben, sein, ohne den Breitensport aus den Augen zu verlieren. Ein anderes Thema aus meiner Sicht, das ich auch immer wieder öffentlich anspreche, ist die weitere Professionalisierung der Vereine in Richtung Hauptberuflichkeit. Das wollen viele noch nicht hören, teilweise lehnen sie es sogar ab, auch wenn sie ahnen, dass ich wahrscheinlich richtig liege.

Letzteres bitte etwas konkreter.
GROSSE: Es gibt pauschal betrachtet die Regel, dass ab einer Größenordnung von 1.000 Mitgliedern eine Hauptberuflichkeit lohnt, wie auch immer die ausgestaltet sein mag. Ich glaube, dass wir in manchen ländlichen Strukturen hier vor Ort auch in 15 Jahren noch keine Hauptberuflichkeit in der Vereinslandschaft brauchen und haben werden. Ich glaube auf der anderen Seite aber, dass es zu Vereinsfusionen kommen wird, die in irgendeiner Form eine Hauptberuflichkeit nach sich ziehen.

Was würden Sie rückblickend anders machen?
GROSSE: Jetzt zu sagen, ich hätte das Haus anders gebaut, wäre sicher eine Verklärung. Im Prinzip hätte ich es aber genauso gemacht. So sind halt die Ostfriesen.

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